Hannes Müller, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Berufsreiter, zur Wahlfreiheit zwischen Trense und Kandare, die seit diesem Jahr in internationalen Grand Prix-Prüfungen bis Drei Sterne eingeführt wurde.

„Selbstverständlich ist allen im Reitsport beteiligten Menschen das Pferdewohl oberstes Gebot. Das Motto der BBR bringt das zum Ausdruck. ,Dem Pferde verpflichtet, dem Sport verbunden‘. Deshalb ist oberstes Prinzip, dass jeder, der sich mit dem Pferd auseinandersetzt, egal auf welchem Niveau oder Einsatzgebiet, sich und seinem Pferd einer Ausbildung zu unterziehen hat. Diese Ausbildung durchläuft im klassischen Sinn viele Schritte und ist ein der Natur abgelauschtes System. Der logische Aufbau ist durch die Skala der Ausbildung dargestellt und dient der Orientierung, aber auch der Analyse der erfolgreichen Arbeit mit einem Pferd.

Neben dem Pferd muss aber auch der Reiter seine Fähigkeiten entwickeln, diese anspruchsvolle Kommunikation zwischen Pferd und Mensch in Form von Körpersprache zu entwickeln. Mit Erreichen der Versammlung im Sinne der Skala haben Pferd und Reiter immer eine mehrjährige Entwicklung gemacht. In der Klasse L sprechen wir von der beginnenden Versammlung. Das heißt, ab hier kommen keine neuen Aspekte dazu, vielmehr werden die Qualitäten der Punkte der Skala vertieft. In dieser vertiefenden Arbeit kommt nun in der Ausrüstung die Kandare mit Unterlegtrense ins Gespräch.

Kandarenreife der Reiterin und des Reiters

Zunächst ist die Kandare regelgerecht eingesetzt nicht per se widersprüchlich zum Pferdewohl. Viele Faktoren bestimmen den Gebrauch. Deshalb gibt es den Begriff der „Kandarenreife“, sowohl für das Pferd als auch für den Reiter. Der übergeordnete Sinn des Einsatzes einer Kandare liegt in der Verfeinerung der Kommunikation mit dem Pferd. Eine oft zu wenig gewürdigte Fähigkeit sind nahezu unsichtbare Hilfen des Reiters. Hinzu kommt, dass vorrangig über die Unterlegtrense eingewirkt wird und das Kandarengebiss als Stange eher im Hintergrund wirkt. Eine oft nicht bekannte Forderung ist, dass der äußere Kandarenzügel zwei Zentimeter, der innere einen Zentimeter länger ist als der Trensenzügel. Allein dieser Anspruch macht deutlich, wie komplex die korrekte Führung einer Kandare ist. Der Reiter muss in jeder Phase seines Reitens in der Lage sein, seine Zügelführung der jeweiligen Situation anzupassen. Nur so kann im unverkrampften, rhythmischen An- und Abspannen aller Muskelfunktionsketten in elastischer Anlehnung an die gefühlvolle Reiterhand, mit schwungvollen Bewegungen, die Naturschiefe des Pferdes überwunden werden und nachhaltige wertvolle Versammlungsarbeit geleistet werden.

Wenn Probleme auftreten

Kommt es auf diesem Weg der Ausbildung zu Störungen oder gibt es noch Unzulänglichkeiten, wird sich das in der Qualität der Anlehnung und Haltung des Pferdes sofort sichtbar machen. Ein Verwerfen im Genick ist, neben vielen anderen Signalen, die ein Pferd uns sendet, hier schon der erste Hinweis auf noch bestehende Defizite in der Ausbildung. Kommt also die Kandare zu früh oder in ungeübte Hände, werden die Unzulänglichkeiten wie durch ein Brennglas deutlicher zu Tage treten als bei der Verwendung eines gebrochenen Gebisses. Die Vollendung des klassischen Ausbildungsziels ist es also, diese beschriebene Kandarenreife zu erwerben. Auf dem Weg dorthin sind natürlich alle sinnstiftenden Schritte möglich.

Das heißt, Prüfungsangebote zu schaffen, die im Prozess der Ausbildung noch auf die Kandare verzichten, gibt es ja bereits. Nur: Für eine faire und vergleichbare Beurteilung der Ausbildungsleistung ist eine Wahlfreiheit nicht sinnvoll. Die beste Leistung ist der klassische Weg auf Kandare und die Ergebnisse der Ausbildungsarbeit in einer maximal anspruchsvollen Aufgabenstellung zu präsentieren.

Passt das Gebiss ins Pferdemaul?

Natürlich dürfen wir bei diesen Betrachtungen der klassischen Lehre nicht die anatomischen Voraussetzungen des Pferdes vernachlässigen. Das Pferdemaul muss in der Lage sein, die Gebisse aufzunehmen. Klare Beschreibungen dazu finden sich in den Regeln der LPO. Nun sind Pferdemäuler nicht normiert und gerade die Veredelung der Pferde durch die Zucht hat zu kleineren Köpfen und damit kleineren Mäulern geführt. Hier bedarf es viel Erfahrung und einer guten Auswahl an Gebissen, das korrekte Gebiss für das jeweilige Pferd zu finden. Trotz all dieser Betrachtungen liegt es aber letztendlich am Menschen mit seinem Verstand und Gefühl, Verantwortung für das ihm anvertraute Pferd zu übernehmen. Ausbilder, Richter und Funktionäre sollten hier als Ratgeber und Regulativ im Interesse der Pferde, aber auch des Wissens rund um die Ausbildung konstruktiv zur Verfügung stehen.“